Hier ist ein sehr intereassanter Bericht, der keine Fragen mehr offen lässt. Oder doch?
“Mythen kann man die Geschichten noch nicht nennen, die sich um Lana Del Rey ranken. Aber es sind ein paar richtig gute Anekdoten darunter. Etwa die, dass sie sich angeblich von ihrer ersten Gage die Lippen hat aufspritzen lassen. “Ich habe mich selbst gefördert”, umschreibt sie, was sie mit den 10 000 Dollar Vorschuss auf ihren ersten Plattenvertrag anfing. Das passt ins Bild. Denn Lana Del Rey ist zwar eine brillante Sängerin. Aber sie ist auch ein gemachter Star.
Ein Novemberabend in Köln. Vor den Pissoirs eines Konzertschuppens ist der Teufel los. “Was war das denn gerade? Handgestoppte dreißig Minuten!”, schimpft einer, der weit gereist ist, um beim ersten Auftritt Lana Del Reys auf einer deutschen Bühne dabei zu sein. Ein anderer hat 40 zu bieten, ein dritter 35. Es waren 38 Minuten, haargenau, von den ersten Klängen bis zum letzten gehauchten “Thank you”. Egal wie viele Minuten, es waren auf jeden Fall zu wenige. Jemand ist sogar eigens aus Rom angereist. 1400 Kilometer für 38 Minuten.
Als käme sie aus dem Nichts.
Am Morgen danach sieht die Frau, die den Tumult verusacht hat, sehr ausgeschlafen aus. Das blaue Kleidchen lässt viel schwarze Unterwäsche frei, das Make-up sitzt, goldene Kreolen baumeln an den Ohren. Sogar die langen Fingernägel wirken frisch lackiert. Von den übervollen Lippen ist ja schon die Rede gewesen. “Es ging nur darum, hallo zu sagen. Eine Art erste Vorstellung. Wie hätte ich ahnen können, dass Leute aus Rom kommen, nur um mich zu sehen? Ich war noch nie in Rom. Ich weiß noch nicht mal, wie man dahinkommt”, sagt sie. An mangelhaften Geographiekenntnissen ist noch keine Pop-Karriere gescheitert.
Vier nostalgietrunkene Retro-Clips auf YouTube, fast zehn Millionen Klicks für die atemberaubende Single “Video Games”, die in dieser Woche an die Spitze der deutschen Charts schnellte. Die fünfundzwanzigjährige Sängerin, deren Album “Born to die” unter dem Künstlernamen Lana Del Rey am 27. Januar erscheint, ist ein Phänomen. Es wirkt, als käme sie aus dem Nichts.
Es soll zumindest so wirken. Um die Illusion perfekt zu machen, wurde das erste Album, das Lana Del Rey noch unter ihrem echten Namen bei einem kleinen amerikanischen Independent-Label veröffentlichte, wieder vom Markt genommen. Das Cover der Platte “Lana del Ray a.k.a. Lizzy Grant” zierte damals ein anderes Mädchen. Elizabeth Grant hatte wasserstoffblonde Haare und schmale Lippen. Eine perfekte Inszenierung
Das Pseudonym Lana Del Rey ist eine Kreuzung aus dem Vornamen der Hollywood-Schauspielerin Lana Turner, ein siebenmal verheiratetes Sexsymbol der vierziger Jahre, und dem in den achtziger Jahren produzierten Automodell Ford Del Rey. Das Kunstprodukt war eine Idee ihres Managements. Für Lana Del Rey verschießt die Marketingabteilung der Plattenfirma Universal Music, die auch Amy Winehouse unter Vertrag hatte, schon jetzt den letzten Superlativ, als gäbe es kein Morgen: “Manchmal entwickeln sich Stars. Manchmal werden uns Stars einfach aufgedrängt. Und dann gibt es zuweilen Stars, die einfach in die Atmosphäre eintauchen, als ob sie von einer jenseitigen Kraft angetrieben werden. In diese letzte Kategorie fällt Lana Del Rey mit ihrer erstaunlichen Ausstrahlung, ihrer beeindruckenden Stimme, dem souveränen Look und ihrem einzigartigen Gefühl.”
Ein Star aus dem Jenseits mit einzigartigem Gefühl? Man hat den Eindruck, dass partout nichts schiefgehen soll auf dem raketenschnellen Flug in den Pop-Olymp. Liefe die ganze Maschine weniger rund und wäre die Inszenierung weniger perfekt, würde man gerne glauben, dass hier die neue Amy Winehouse vor der Tür steht.
So aber fällt es schwer. So sieht man nur das Kunstprodukt und sucht überall nach Indizien für die große Inszenierung. Zu Del Reys Produzenten zählen Eg White, der schon Adele und Duffy zu Stars machte, und Guy Chambers, der an vielen Hits von Robbie Williams beteiligt war. Doch Lana Del Rey wehrt sich standhaft gegen den Verdacht, sie sei vor allem ein geschickt inszeniertes Marketing-Produkt. “Da steckt niemand hinter dem Vorhang. Das bin nur ich selbst”, sagt sie fast beschwörend. Ach, man würde ihr so gerne glauben. Aber alles läuft so perfekt. Viel zu perfekt. Swinging Sixties und Glamour-Pop
Lana Del Rey nennt sich selbst “Gangsta-Nancy-Sinatra”. Ihre Musik, eine Mischung aus dem Sound der Swinging Sixties und melodischem Glamour-Pop, ist betörend schön – wie der melancholische Soundtrack einer sehnsüchtigen Reise in die fünfziger und sechziger Jahre.
Am Abend in Köln steht Lana Del Rey vor dem in einem Gewerbegebiet angesiedelten Club und gibt ziemlich aufgedreht Autogramme. In ihrer roten Lederjacke mit Ferrari-Aufnähern wirkt sie wie ein all-American girl; nichts an ihr erinnert an das verruchte Mädchen, halb Vamp, halb Lolita, das sie in ihren Videos gibt. Wo sie etwa im Titel “Video Games” aufreizend mit Schmollmund singt: “I heard that you like the bad girls, honey, is that true?”
Dass es sich für sie nicht “natürlich” anfühlt, wie sie sagt, auf der Bühne zu stehen, glaubt man sofort. Dort bewegt sie sich kaum, wandert im schwarzen Rüschenkleid langsam hin und her und streicht sich zaghaft durchs rotblonde Haar. Mehr Milva als Lady Gaga.
Als die Show beginnt, die den Namen allerdings kaum verdient, flimmern auf zwei riesigen weißen Ballons die Videosequenzen, mit denen Lana Del Rey auf Youtube zum Klick-Star wurde. Sie habe die ganzen Videos selbst zusammengeschnitten, sagt sie später. Es sind Träume mit Sepiastich, die sich mit der Musik zu einem Gesamtkunstwerk fügen. Und milde über allem thront der King. Man sieht Elvis, wie er bedächtig den Kopf wiegt, schließlich das Gesicht in der Hand verbirgt. Das ist von selbstironischer Klasse. Aber auch bis ins Kleinste durchinszeniert. „Ein ehrliches Leben“
Die mit Filmzitaten gespickten Videos auf YouTube sind Collagen einer unbeschwerten Kleinstadtjugend. Plansch-Szenen am Swimmingpool, Cartoon-Schnipsel, stürzende Skater und Surfer, zwischendurch ein recht schlaff hängendes Sternenbanner und immer wieder ein strauchelndes Starlet, das von einer Meute von Reportern verfolgt wird. Dazwischen der Road Runner und immer wieder Lana, mit der Whiskeyflasche im Arm, mal aufreizend abwesend, mal lasziv, dann wieder süßlich lächelnd in die Kamera schauend. Doch die Interpretation könne man sich weitgehend sparen, erläutert sie selbst: “Die Filme haben keinen tieferen Sinn. Es ist einfach der Kram, den ich mag, nicht sorgfältig konstruiert.”
Hört man ihr etwas länger zu, so erscheint der Weg von Lizzy Grant zu Lana Del Rey steinig, aber steil. Lizzy Grant stammt aus sprichwörtlich gutem Hause. Die Gerüchte von der “verlorenen Tochter” gehen ihr gehörig auf die Nerven. “Mein Vater ist kein Millionär, sondern Unternehmer und Wissenschaftler.” Sie wuchs in Lake Placid auf, einem kleinen Wintersportort im Bundesstaat New York. Dort absolvierte sie das ganze Kleinstadt-Programm, leitete den Kirchenchor. Eines ihrer damaligen Lieblingslieder hieß “Auf den Flügeln des Adlers”, es hat eine tröstende Melodie. “Ein Beerdigungslied”, sagt sie und kokettiert hier wie mit dem Titel des Albums “Born to die” mit der Krankheit zum Tode, wie es einem großen Künstler gebührt. “Meine Lieder reflektieren das Beste in meiner Vergangenheit. Manche haben eine dunkle Färbung, aber ich bin glücklich.”
Lana Del Rey nennt ihren Werdegang “ein ehrliches Leben”. Mit 14 Jahren schickten die Eltern sie auf ein Internat. Mit 18 zog sie nach New York, spielte die ersten Songs in kleinen Clubs in Brooklyn. Mit 19 nahm eine kleine Plattenfirma sie unter Vertrag. Dann kamen die 10 000 Dollar Vorschuss. Dann kam die Lippen-OP, dann kam die Wohnwagensiedlung. “Ich wusste nicht, wohin.”
Also zog sie in einen Wohnwagen, 25 Minuten vor den Toren Manhattans. Eineinhalb Jahre lebte sie dort, für 500 Dollar im Monat. Sie nahm die erste Platte auf, zog mit ihrem damaligen Freund zurück nach New York, lebte drei Jahre in der Bronx, schrieb sich an einer Hochschule ein, studierte vier Jahre lang Philosophie mit dem Schwerpunkt Metaphysik. Sie liebt Gedichte von William Blake und die Autoren der Beat-Generation: “Allen Ginsberg hat mein Leben verändert.” Vladimir Nabokov hält sie für ein Genie, nicht nur wegen seines Romans “Lolita”.
Erste Karriere-Zweifel.
In den vergangenen sieben Jahren hat sie sich nicht nur auf die Musik konzentriert. Gemeinsam mit Freunden engagierte sie sich in der Obdachlosenhilfe und der Drogenaufklärung. “Wir versuchen, New York besser zu machen.” Sie müht sich redlich um Authentizität. “Ich bin kein Charakter, in den ich hineintrete. Die Dinge sind so, wie sie sind.”
Doch Lana Del Rey erlebt zurzeit, wie es sich anfühlt, wenn die Hoheit über die eigene Biographie schwindet. Wenn ihr entgleitet, was über sie im Internet steht, obwohl sie fleißig auf Facebook dagegen anschreibt. “Ich habe keine Kontrolle über mein eigenes Online-Leben.” Ihr kommen, so sagt sie, schon die ersten Zweifel, ob die große Karriere auch das große Glück bedeutet. “Ich bin nicht in erster Linie ein Künstler. Zuerst bin ich ganz andere Dinge.” Ihr Ziel sei es gewesen, von ihrer Musik zu leben. “Wenn das noch größer wird als jetzt, muss ich mich hinsetzen und nachdenken, was ich tun soll.” Vermutlich sollte sie so eine Denkpause besser mal einplanen.”
Quelle: F.A.S.