Ein Bericht der Weser-Kurier, verfasst von Lars Fischer
Worpswede. Auf ein geduldiges Publikum kann sich Chi Coltrane verlassen. Beinahe 25 Jahre hat es auf das Comeback der Sängerin und Pianistin gewartet, was macht es da noch aus, wenn sich Einlass und Konzertbeginn um beinahe eine Stunde verschieben? Sie verspricht den Zuhörern, sie werden für ihre Geduld reichlich belohnt, und behält damit Recht. Das, was von einem Konzert mit ihr zu erwarten ist, erfüllt Chi Coltrane voll und ganz.

Warum es in der Music Hall verspätet losgeht, bleibt das Geheimnis der US-Amerikanerin, die irgendetwas von “besonderen Umständen” als Ursache ausgemacht hat. Ihre Fans wenigstens murren nicht, sondern zeigen sich verständnisvoll und vielleicht auch erleichtert. Eine mysteriöse Schlafkrankheit hat dem Energiebündel an den Tasten jahrelang zugesetzt. Auch wenn die 62-Jährige offensichtlich schlecht zu Fuß ist, sobald sie auf ihrem Klavierhocker sitzt, ist die alte Leidenschaft zurück. 22 Songs in rund 130 Minuten sind eine starke Ansage.

 

Vor zwei Jahren trat sie zurück ins Rampenlicht, mit einem fulminanten Open Air-Konzert in Wien vor rund 100000 Besuchern. Ein wenig scheint sich ihre Karriere zu wiederholen. Auch in den 70er Jahren legte sie einen vielversprechenden Start hin, und ihr Debüt-Album von 1972 enthielt mit “Thunder & Lightning” einen veritablen Hit. Danach konnte sie die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen, langsam aber stetig fielen die Verkaufszahlen, bis sie nach ihrer Erkrankung fast vollständig von der Bildfläche verschwand.

 

Jetzt tourt sie wieder durch kleinere Clubs, spielt vor wenigen Hundert Besuchern und hat ihre Band zu einem Trio verkleinert. Nach einigen Shows im Frühjahr ist das Konzert in Worpswede das einzige in Deutschland in diesem Herbst. Die Aura des Superstars umgibt Chi Coltrane dennoch weiterhin. Auf der Bühne plaudert sie freundlich, gibt nach dem Konzert Autogramme und hält Small Talk mit den Fans, hinter den Kulissen aber bringt sie Crew und Veranstalter zur Verzweiflung.

 

Dass ihre Vorstellungen vom perfekten Klang ihres Instruments eigenwillig sind, ist auch für das Publikum sichtbar. Mit zahlreichen Schaumstofffetzen und einer Wolldecke lässt sie den halb geöffneten Flügel hermetisch abdichten, um dann mit Hilfe von sieben (!) Mikrofonen den Klang des Instruments abzunehmen. Dass verhindert jegliche Rückkopplungen, nimmt dem Flügel aber auch viel von seinem Klangvolumen. Optisch erinnert das an die Peanuts-Comics; es sieht aus, als ob Linus seine Schmusedecke im Klavier von Schröder vergessen hätte.

 

Schmusig wird das Konzert allerdings nicht, zuweilen aber höchst pathetisch. Daran, dass zwischen den zahlreichen Balladen auch kräftig gerockt wird, haben die Begleiter Coltranes einen hohen Anteil. Die beiden Franzosen Antoine Rognon (Bass) und Aurélien Ouzoulias (Schlagzeug) hinterlassen eine blendenden Eindruck, sie akzentuieren die Rhythmen präzise und wagen immer ein paar unorthodoxe Schlenker. Zeitweise greift Rognon auch zu einem elektronischen Kontrabass, den er bei den ruhigeren Songs streicht. Sein Solo und das von Ouzoulias zählen zu den Höhepunkten des Abends. Das Klangbild des Trios ist insgesamt sehr sauber und exakt – möglicherweise zahlen sich die unschönen Schaumstoffbasteleien ja tatsächlich in dieser Hinsicht aus.

 

Chi Coltrane selber verfügt sowohl als Sängerin wie auch als Pianistin über überdurchschnittliche Fähigkeiten, auch wenn ihr die ganz hohen Stimmlagen nicht mehr so brillant wie vor vier Jahrzehnten gelingen. Ihr Songmaterial bleibt allerdings deutlich dahinter zurück. Viele Titel sind konventionell gestrickt, und manches klingt wie aus einem Broadway-Musical von der Stange.

 

Unrühmlicher Tiefpunkt ist ihr Epos “Don’t forget the queen”, ein achtminütiges Drama am Hofe daheim, das, wäre es ein Roman geworden, wohl von Rosamunde Pilcher stammte. Herrje, was für ein Beziehungsbild: Die Frau verhalte sich zum Manne wie die Königin zum König, sie dient ihm und richtet das Schloss her, aber wehe, wenn er sie nicht gebührend achtet. Das ist Kitsch pur und wird auch entsprechend melodramatisch musikalisch in Szene gesetzt.

Glücklicherweise ist das Programm mit Songs aus allen Phasen ihres Schaffens gut aufgebaut, zwischen den sehr amerikanisch daherkommenden Schmachtfetzen stehen immer wieder gradlinigere Rocknummern, die mal bluesig, mal funkig oder auch mit einem Schuss Boogie Woogie variiert werden. Chi Coltrane spielt mit großer Hingabe, ihre Band zwar abgeklärter, aber nicht minder einsatzfreudig und dennoch berühren ihre hochemotionalen Songs nicht wirklich. Das mag subjektiv unterschiedlich empfunden werden – die überaus geduldigen Fans sind am Ende des Abends ebenso überaus zufrieden -, aber es bleibt trotz des religiösen Finales mit “Hallelujah” und “Go like Elijah”, die den Beatles-Song “Come Together” einrahmen, der Eindruck: Eine Offenbarung war diese Show nicht.

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