Caro: „Für Träumereien bleibt mir nicht viel Zeit!“
Quelle: ROCKY Nr. 18, 1978, Caro Tollenaar im Interview mit Jürgen Steinhoff
Caro Tollenaar heißt sie, ist knapp 20, blond, schlank, hübsch und war voriges Jahr die Entdeckung der deutschen Rockszene. An sich selbst legt sie ziemlich strenge Maßstäbe.
Rocky: Deutsche Kritiker bezeichnen dich sowohl als Blues- wie auch als Soul- und Rocksängerin und vergleichen dich ebenso mit Inga Rumpf wie mit Maggie Bell und Janis Joplin. Geht dir das nicht manchmal auf die Nerven?
Caro: Irgendwann wurde ich auch schon mal mit Jony Mitchell verglichen. Es ist mir schleierhaft,
wie die Leute darauf kommen. Die tun manchmal gerade so, als ob es außer mir nur noch drei bis 4 andere Rocksängerinnen gebe. Man vergleicht Mick Jagger ja auch nicht mit Paul McCartney.
Richtig gefreut habe ich mich bisher eigentlich nur über eine Plattenkritik. Darin wurde nämlich ausnahmsweise einmal nicht gesagt, dass ich eine „Röhre“ hätte. Leute mit „Röhre“ werden von den Medienleuten nämlich in einer bestimmten Richtung programmiert, ob es ihnen passt oder auch nicht.
Rocky: Dein Stimme, dein Songschreiber-Talent, dein attraktives äußeres und noch einiges mehr, haben dir in kurzer Zeit zu einem guten Platz in der deutschen Rockszene verholfen. Bist du mit dem erreichten zufrieden?
Caro: Wollen wir mal so sagen; ich bin nicht unzufrieden. Trotzdem gibt´s aber noch einiges, womit ich absolut nicht zufrieden bin. Mit meiner LP zum Beispiel. Deshalb habe ich auch den Produzenten gewechselt. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich zukünftig nun keine kommerzielle Musik machen will. Auf meiner nächsten Platte wird jedenfalls mehr die Gruppe zu Wort kommen, als auf der ersten.
Rocky: Was wäre für dich der absolute Wunschtraum? Deutschland beim „Grand Prix Eurovision“ zu vertreten? Oder mal zusammen mit internationalen Stars auf einem Festival aufzutreten? Oder gehen deine Wünsche in eine ganz andere Richtung?
Caro: Natürlich träume ich davon, irgendwann auch mal international aufzutreten. Amerika wäre schon spitze, aber gut Ding will bekanntlich Weile haben. Wir hatten in letzter Zeit erst mal einen neuen Bassisten und einen neuen Schlagzeuger anzulernen. Da blieb für Träumereien nicht viel Zeit. Und das mit dem „Grand Prix“ wird wohl auch solange ein Traum bleiben, wie die Teilnahmebestimmungen so wirklichkeitsfremd sind.
Rocky: Du warst kürzlich mit einem Song bei Szene ´78 zu sehen und zu hören …
Caro: Oh Gott, erinnert mich bloß nicht daran. Ich fand mich unmöglich.
Rocky: Warum das denn?
Caro: Weil ich erstens krank war und zweitens keine Stimme hatte. Die Geschichte ist mir jedenfalls außerordentlich peinlich.
Rocky: Vielleicht gibt´s demnächst mal was im „Musikladen“ für dich?
Caro: Das glaube ich kaum. Der Herr Leckebusch scheint nichts von mir zu halten. Ein Videoband, das wir ihm geschickt hatten, kam mit dem Vermerk zurück, er hätte noch nie im Leben so etwas Kaltes und Abgebrühtes wie mich gesehen. Das hat mich besonders geärgert, wie mir da Attribute angedichtet werden, über die ich bestimmt nicht verfüge.
Rocky: Kannst du uns etwas über dein bisheriges Leben erzählen? Bist du auch schon als Sängerin auf die Welt gekommen? Du weißt, dass Plattenfirmen in den Biografien so etwas gern über ihre Newcomer schreiben.
Caro: mein Vater war Musiker ¬– er spielte Banjo und hat mich in Gießen, wo ich ja her komme, öfter zu musikalischen Veranstaltungen mitgenommen. Da war ich 13 oder 14. Natürlich habe ich da auch irgendwelche Musiker kennengelernt. Später bin ich dann ein Jahr in Amerika gewesen. Nach meiner Rückkehr wollte ich hier das Abi machen. Aber leider wird das amerikanische zehnte Schuljahr in Deutschland nicht angerechnet. Also musste ich hier noch einmal das Jahr wiederholen. Das hat mir den Rest gegeben – irgendwann habe ich dann in den Sommerferien meine Sachen gepackt und bin zusammen mir den „Leinemanns“, die zufällig in Gießen waren, nach Hamburg gefahren. Da habe ich ganz schnell eine Menge Leute kennengelernt, und so ging es weiter. Besonders Vince Weber habe ich viel zu verdanken, denn er hat mir zu meinen ersten Gigs verholfen.
Rocky: Die sogenannte Hamburger-Szene, hat dich dann schnell in Beschlag genommen. Ging dir das als „Nicht-Hamburgerin“ nicht gegen den Strich?
Caro: Eigentlich bin ich ja erst nach Hamburg gekommen, als die Szene schon in voller Blüte stand. Dadurch wurde ich wohl auch gar nicht von ihr vereinnahmt. Das war mir nur recht, denn ich fühle mich ihr auch nicht zugehörig. Sicherlich wäre es meinem Image, als ernsthafte Rocksängerin nicht besonders zuträglich gewesen, wenn ich angefangen hätte, irgendwelche Klamottenmusik zu spielen, nur um Kohle damit zu machen.
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